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Logopädie auf dem Pferderücken

Die 4. Klasse  der BBZ  Grundschule auf neuen Wegen in der ganzheitlichen Sprachtherapie

Dichter Wald um ausgedehnte Weiden, saftige Wiesen, das Plätschern eines Baches, das sanfte Rauschen des Windes, der Geruch nach frischem Heu und nassem Gras, die wärmende, aufsteigende Morgensonne,… das alles ist die Fancy Farm von Ute Harre im Dreisamtal, ein Ort, der seinen Besucher von Anfang an ganzheitlich berührt und dabei in völligem Kontrast zu unserer oft mediendominierten, schnelllebigen Zeit steht.
Diesen besonderen Ort durfte die Adler-Klasse der BBZ Grundschule dank einer großzügigen Spende für drei Schulvormittage besuchen.
Durch diese  Lage ist die Fancy Farm ein Ort, der im wahrsten Sinne natürliches, ganzheitliches Lernen von Kindern ermöglicht.
Doch nicht nur seine Lage macht die Fancy Farm zu einem besonderen Lernort. Vor allem finden die Kinder hier in seinen tierischen Bewohnern, den Ponys of the Americas, Kommunikationspartner, die ihnen den Weg zu feiner Kommunikation auf natürliche Weise zeigen. Denn in der Kommunikation mit dem Gesprächspartner "Pferd" als geborenes Fluchttier stellte sich für die Schülerinnen die große Herausforderung, die eigenen Befindlichkeiten zurückzustellen, eigene Emotionen zu kontrollieren und sich empathisch den Bedürfnissen und dem Sprachsystem des Gesprächspartners "Pferd“ zuzuwenden. Unter  Anleitung von Frau Ute Harre und unserer Kollegin Frau Anne Bauer aus dem Bereich der Logopädie des BBZ Stegen, die selbst eine reittherapeutische Ausbildung besitzt, meisterten die sechs Schülerinnen der Adlerklasse diese Herausforderung beeindruckend.
Wir Klassenlehrerinnen konnten in den drei Tagen  miterleben, wie intensiv sich die Schülerinnen der Adlerklasse auf diese besondere Lerneinheit einließen: In der Kommunikation mit den Pferden standen leise, freundliche „Töne“ bei den Kindern im Vordergrund. Aber auch Meinungsverschiedenheiten untereinander und eigene Befindlichkeiten wurden unter ihnen ruhig thematisiert und nahezu in Eigenregie lösungsorientiert miteinander geklärt. Kein einziges Mal mussten wir Klassenlehrerinnen die Mädchen an die großen Plakate im Klassenzimmer erinnern, auf denen wir mit ihnen zusammen am Anfang des Schuljahres die wichtigen Regeln für ein gelungenes soziales und kommunikatives Miteinander vermerkt haben.
Durch unsere Logopädin Frau Bauer konnten die Schülerinnen und auch wir Lehrerinnen erfahren, auf welch motivierende Weise logopädische Übungssituationen in die Reittherapie eingebunden werden können und wie positiv sich eine Förderung durch das „Bewegt-Werden“ auf dem Pferderücken auf das einzelne Kind auswirken kann:
Zwei Mädchen, die  über keinerlei Lautsprache verfügen, konnten beim wiederholten Pferde-Stopp-Signal „Hoh“  sinnbezogen und mit viel Motivation  üben, ihren Atemfluss  über die Bauchatmung weich und ausgiebig fließen und dabei ein ein tiefes „O“ tönen zu lassen. Das wiederholte Schnalzen als  „Los!“-Signal in der Pferdesprache trainierte bei allen Kindern intensiv die Zungenmotorik bzw. Muskulatur. Gerade die Tier-Namen motivierten  die lautsprachlich stark eingeschränkten Kinder zum wiederholten und deutlichen Nachsprechen. Nicht zu vergessen der hautnah erlebte Wortschatz im Team mit den Ponys: schnauben, führen, striegeln, pflegen, Vertrauen schenken, Stolz, Mut, Angst überwinden, Verantwortung, Freiheit, Zuneigung,….
Vor allem auch das Aufsitzen und Reiten ließ alle Schülerinnen auch innerlich in ihrem Selbstbewusstsein bedeutsam wachsen. Denn es erfordert großen Mut, den sicheren Boden zu verlassen und sich somit ein Stück weit einem Fluchttier anzuvertrauen. Trotz zum Teil großer anfänglicher Ängste schafften alle Schülerinnen bereits am zweiten Tag diesen Schritt bei einem wunderschönen Ausritt entlang der Weiden.
Am dritten Tag stand ein Parcour auf dem Programm, bei dem  zwei Kinder mit einem Pony einen Hindernis-Parcours bewältigen mussten. Hierbei wechselten die Team-Partner und die Rollen: Man führte oder wurde geführt und musste dadurch sein Vertrauen nicht nur dem Pony schenken, sondern es auch in die Hand seiner Mitschülerinnen legen. Auch diesen Schritt schafften alle Kinder.
Gleichzeitig förderte das Bewegt-Werden durch den Pferderücken beim Reiten die Tiefensensibilität, den Muskeltonus und die Motorik bei den Kindern und kann sich so positiv auf ihre Sprachentwicklung auswirken. Auf dem Pferd sitzend wurde auch der Gleichgewichtssinn angesprochen: In den drei Tagen lernten alle Mädchen, sich immer besser auszubalancieren.
 Darüber hinaus gab es für die Schülerinnen auch noch zahlreiche, emotional bewegende Kontakte zu den anderen Tieren des Hofes: So verlor eine Schülerin durch den Kontakt mit Amber, der quirligen, jungen Hofhündin und Leni, dem Hund von Frau Bauer, zum großen Teil ihre ausgeprägte Hunde-Angst. Eine Mitschülerin konnte bei den vier Hofkatzen ihre Katzen-Liebe erleben. Alle Mädchen waren zudem begeistert von den beiden Zwergkänguruhs.
Diese drei Tage vergingen schließlich wie im Fluge und der Abschied von der Fancy Farm fiel  der ganzen Adler-Klasse schwer. In der abschließenden Feedback-Runde am letzten Tag war allen Kindern der Adler-Klasse klar: Die Fancy Farm ist ein besonderer Ort, an dem jeder von ihnen in diesen drei Tagen  innerlich bedeutsam gewachsen war und wie wohltuend feine Kommunikation  im Umgang miteinander sein kann. So verließen die Schülerinnen der Adlerklasse und wir Lehrerinnen am letzten Tag die Fancy Farm mit dem Wunsch, irgendwann an diesen besonderen Ort zurückzukehren.
Persönlich-Wachsen an einem wunderbaren Ort, das ist ein Geschenk, das nachhaltig im eigenen Leben wirken kann! Somit danken die Mädchen der Adler-Klasse und wir Klassenlehrerinnen an dieser Stelle nochmals ganz herzlich unserem Sponsor, der diese Erfahrungen finanziell ermöglicht hat.